Volker Kutscher liest auf Wildenburg

Hellenthal, 16.10.2013: Wer meine erste Lit.Eifel-Woche kennt, mag enttäuscht sein. Diesmal leitet mich meine Navi problemlos und rechtzeitig zum idyllisch gelegenen Tatort, ähm Veranstaltungsort: Wildenburg, hoch über Hellenthal.

Schnell etwas abenteuerlich geparkt und direkt Lanio vor die Füße gelaufen. Gerade als er meinen Fahrstil kritisiert, kommt Magga an und ab geht es zur Burg. Magga fährt, Lanio stapft voran und ich etwas mühsam und peinlich langsam hinterher. Merke: Nächstes Mal wieder Wanderschuhe.

In der Burg geht es einige Stufen auf verschiedenen alten Holztreppen hoch in den Hexenturm. Echt nett hier. Sehr coole Location. Und ich bin was Turmzimmer angeht wirklich verwöhnt.

Das (unvermeidliche?) Vorgeplänkel

Diesmal eröffnet der Hellenthaler Bürgermeistervertreter Wamser die Veranstaltung. Das übliche LIT.Eifel- und Autoren-Lobgehudel folgt. Dann stellt die Moderatorin den Autor vor und direkt ein paar Fragen. Dazu habe ich auch eine: Wozu braucht es Moderatoren bei einer Lesung? (#duckweg)

Wer ist Kutscher…

Ich gestehe: Bis dato kannte ich den Autor Volker Kutscher nicht. Auf meine übliche Vorbereitung bei Wikipedia und amazon habe ich diesmal verzichtet. Und die Anmoderation habe ich einfach mal weitestgehend überhört.

Nur soviel habe ich verstanden. Er hat wohl früher mit einem Partner Lokalkrimis aus dem Bergischen Land zusammen geschrieben. Das möchte die Moderatorin, deren Namen ich mir (mal wieder) in einem Anfall von Ignoranz nicht gemerkt habe, sich noch erklären lassen.

Seine bergischen Krimis sind alle bei Emons erschienen. Das ist meines Wissens einer der Verlage, die wie der KBV Krimis hauptsächlich (?) regional einordnen.

(Schamlose Werbung: Merkt Euch doch schon mal www.eifel-krimis.com auch wenn aktuell erst zwei Autoren drin sind.)

Exkurs: Ich und meine (fehlenden) Notizen

Da ich mir – wie üblich – keine Notizen gemacht habe, kann ich nur hoffen, dass ich die Reihenfolge noch richtig hin bekomme. Schlagt mich nicht, korrigiert mich einfach wenn ich falsch liege. Ich könnte ja auch einfach behaupten, dass eventuelle Verschiebungen blog-dramaturgische Gründe hat. Tu ich aber nicht.

Die Lesung: Volker Kutscher liest aus Die Akte Vaterland

Völlig unbelastet lausche ich also dem Autor. Kutscher hat eine angenehme Stimme und liest gut. Er beginnt zwar etwas nervös mit für meinen Geschmack (zu) vielen Infos über seinen Held , aber das verzeihe ich ihm gerne. Die Akte Vaterland ist ja schließlich schon der vierte Band mit seinem Helden – wie heißt der Typ, Tabwechsel – richtig: Gereon Rath.

Magga fand ihn nicht nervös. Ich wette drauf, flattere mich doch selbst immer durch die ersten Sätze.

Noch ein Exkurs: Warum bin ich eigentlich hier?

Das hat wohl zwei Gründe. Als ich auf der zweiten Lesung auftauchte, meinte Magga: Du bist auch eine treue Seele. (Kein Plan, wie sie darauf kommt.) Ich dann nur: klar doch, Markus hat mir für die ganze Lit.Eifel frei gegeben. Ich guck mir so viele wie geht an. Lanio machte daraus dann: Renate hat sich vorgenommen zu allen Lesungen zu kommen…

…kennt Ihr das? Das nenne ich auch meinen Feigling-Effekt. Damit habe ich echt ein Problem. Immer schon.

Der zweite Grund ist, Yvonne. Die meinte in Rurberg, dass sie sich Kutscher anhören wollte. Die anderen Monschauer auch. Daraufhin habe ich mir den Autor im Programm angesehen. Ah, die perfekte Kombi für meinen aus Geschi-LK stammenden NS-Fimmel und meiner Krimileidenschaft, dachte ich mir. Da sehe ich mal großzügig darüber hinweg, dass ich mehrheitlich Nordische Krimis und Eifel-Krimis lese. Ach, und Yvonne? Die musste zur Hochzeitsmesse nach Simmerath. Und der Rest? Kein Plan.

Der Mensch in der Zeit…

Kutschers Krimireihe mit Gereon Rath beginnt im Berlin der Weimarer Republik. Kutscher möchte uns mit seinen Krimis diese Zeit anders näher bringen. Er beschreibt die Zeit aus Sicht normaler Menschen. Menschen, die ihre schreckliche Zukunft nicht kennen. Die nicht wissen (können) wohin es führt. Die ihre Entscheidungen nicht darauf hin bewerten können, was daraus wird.

Die nicht wissen, was der Nationalsozialismus, das Dritte Reich, wir – ja wir Deutschen (denke ich) anrichten werden. Den zweiten Weltkrieg, den Holocaust, nicht erahnen. Er will uns die Zeit näher bringen, einfach wie man sie damals (vielleicht auch) gesehen hat. Ohne die Zukunft zu kennen.

Uns hinein ziehen – in eine Zeit – in die Zeit. Die Zeit vor der schlimmsten Zeit der Deutschen. Einfach, als Mensch. Wir, die wir so leichtfertig anklagen. Die einfach verurteilen. Die bestimmt selbst schon ihre Eltern/Großeltern/Urgroßeltern gefragt haben: „Wie konntet Ihr nur? Habt Ihr nichts gemerkt? Die Juden, die sind doch verschwunden. Habt Ihr nie gefragt, wohin?“ Ich habe meine gefragt.

Zeigefinger? Nein, danke. Aber wie ist das mit unseren Entscheidungen – heute?

Dabei hebt Kutscher nicht den Zeigefinger. Er möchte uns sensibilisieren für unsere Entscheidungen, in unserer Zeit. Wir, die wir den Luxus haben, zu wissen was damals passiert ist, sollen nachdenken. Unsere Entscheidungen heute auf den Prüfstand packen.

Prüfen, ob es heute nichts gibt, was wir jetzt tun können, müssen. Ich wüsste da was, aber erst der Autor.

Gereon Rath – Ein Kommissar in den 30ern

Seinen Krimiheld Gereon Rath beschreibt Kutscher als unpolitisch, ja politikverdrossen. Er kommt aus Köln und stammt aus einer Familie, die immer schon die Zentrumspartei wählt. Darauf steht er nicht. Aber auch mit den in den späten 1920igern, frühen 1930iger-Jahren, sprich am Ende der Weimarer Republik nicht nur in Berlin aufkommenden – heute würde man vielleicht von Links- und Rechtsradikalen sprechen, behaupte ich jetzt mal – kann er nichts anfangen.

Die Akte Vaterland

Ein Kölner Kommissar in Berlin, der nicht immer ganz sauber agiert. Der gerade seinen großen Fall verliert. Mit einer neuen Freundin, die ausgerechnet in seiner neuen Ermittlungsgruppe landet. Und das als eine der ersten Frauen der Berliner Kripo überhaupt.

Dabei weiß noch niemand von der Beziehung. Und prompt gerät seine Freundin an einen Vollmatcho im Kommissariat, der sie auf übelste mobt. Gut unter der Gürtellinie. Die Szene danach, wo Rath den Spacko besucht, liest Kutscher. Rath gefällt mir, so viel ist klar.

Ein seltsamer Mord geschieht. Gut, die Todesart spoilert Kutscher zwar später etwas. Aber nicht nur als GTA5-Spieler kommt man auch so drauf.

Ich möchte jetzt nicht weiter spoilern, sondern Euch empfehlen, Euch die Gereon Rath-Reihe zu besorgen. Die korrekte Reihenfolge ist:

  • Der nasse Fisch (2007)
  • Der stumme Tod (2009)
  • Goldstein (2010)
  • Die Akte Vaterland (2012)

Wie immer bei Krimiserien kann man mitten drin anfangen, aber wenn man die Chance hat, fängt man besser vorne an. Ich freue mich schon auf die folgenden Bände.

Pause und mehr

In der Pause konnten günstig Getränke erworben werden. Belegte Baguettescheiben gab es kostenlos gegen freiwillige Spenden. Habisch ‚türlich gemacht. Es gab auch wieder eine Buchhandlung, die reichlich Titel vom Autor im Angebot hatte. Ich habe beim aktuellen Titel zu geschlagen. Und habe ihn mir am Ende signieren lassen.

 Die Fragen am Schluss

Da ich ja die Anmoderation überhört habe, stelle ich natürlich prompt die – halb beantwortete – Frage ob Kutscher am Beginn der Serie eine bestimmte Anzahl Titel für seine Krimiserie vorgesehen hat oder welches Konzept er hat? Er übersieht meine Faux Pas und geht freundlich näher auf sein Konzept ein.

Er beschreibt wie lange er Gereon Rath als Kommissar leben lassen will. Nicht länger als 1936. Selbst einen politikverdrossener Kommissar wie Rath sieht er dann nicht mehr als Beamten, wenn Himmler 1936 Polizeichef wird. Was dann aus Rath wird, weiß Kutscher noch nicht. Er nennt ein paar mögliche Varianten wie Rath könnte sterben (hoffentlich nicht), emigrieren, Privatdetektiv werden, in den Untergrund gehen…

Ihm ist die Figur offensichtlich schon ans Herz gewachsen, deshalb tippe ich nicht darauf, dass er sie sterben lässt.

Die übliche Frage, die ich einfach stellen muss wenn es kein anderer macht, lautet: Wie lange schreiben Sie an einem Buch? Die Antwort verblüfft etwas und lässt den gelernten Journalist erkennen. Auch nur zehn Monate bis ein Jahr, inklusive ausführlicher Recherche und Lektorat. Dabei ist Die Akte Vaterland 576 Seiten stark.

Die Recherche beeindruckt

Kutscher bereitet sich vor. Ausführlich. Er liest ganze Jahrgänge liberaler Zeitschriften der Zeit, von vorne bis hinten. Richtig komplett, inklusive wenn nicht sogar besonders den Lokalteil, die Kleinanzeigen und Witzseiten. Klar, irgendwo muss ja sein Blick auf das Alltagsleben der Zeit kommen. Und war er nicht selbst Lokalredakteur?

Er beschreibt, was die Menschen zu dieser Zeit bewegt. Die hohen Reparationszahlungen. Politik, weniger. Hm, kommt mir leider nur zu bekannt vor.

WTF is Mikrofiche?

Und das auf Mikrofiche. Ätzend. Das ist anstrengend. Für diejenigen, die das nicht mehr kennen. Darauf wurde früher – sagen wir mal – analog archiviert. Papier wurde stark verkleinert und dann mit speziellen hässlichsten Vergrößerungskästen in bescheidener Qualität auf einem, sagen wir mal im Vergleich zur Smartphone-Auflösung Guckloch, dargestellt.

Zu meiner Studienzeit war darauf der Bestand der Bibliothek oder in großen Unternehmen die Buchhaltung. Oder eben alte Zeitschriftenausgaben. Muss man nicht haben. Heute wird der Kram gescannt und digitalisiert. Dann kann man wenigstens darin suchen.

Was können wir tun?

Er nennt nachher explizit auch PRISM & Co und die zunehmende Überwachung heute als potenzielle Gefahren für unsere Demokratie. Auch er sieht, wie das einem zukünftigen Diktator in die Hände spielen kann.

Und die systemrelevanten Banken, die gerettet werden? Den Lobbyismus, der die Politik beeinflusst? Denkt selbst nach. Es muss nicht immer Nationalsozialismus sein, der unsere Gesellschaft in den nächsten Abgrund führt.

Ich habe ihn nicht gefragt ob er Pirat ist. Aber falls er eine politische Heimat sucht, imho gehört er zu uns. Wobei ich tippe, dass er als Autor sein Mittel gefunden hat, die Welt ein kleines Stück zu ändern. Ein erfolgreiches, hoffe ich. Ich drücke ihm dabei auf jeden Fall die Daumen. Und wünsche ihm viele Bestseller. Und noch mehr nachdenkliche Leser. Die finden, was sie tun können. Was ist mit Euch?

Und ich – mal wieder

Mich hat er beeindruckt. Werde mir die Serie bei nächster Gelegenheit erlesen. Den vierten Band habe ich, signiert, logo. Der Rest entweder ab nächster Woche in unserer Stadtbücherei oder als ebook. Mal sehen.

Auch lesenswert: www.gereonrath.de

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